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Fakten und was daraus gemacht wird

In der Corona Zeit haben wissenschaftliche Fakten eine neue Bedeutung für die Gesellschaft und für poltisches Handeln bekommen. Wie funktionieren Entscheidungsprozess in der Corona-Pandemie und mit welchen Schwierigkeiten haben wir es bei der Rechtfertigung der Corona-Maßnahmen zu tun?

Autor: Jan-Hendrik Blanke

In der Bundespressekonferenz sieht man den Leiter des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler mindestens genauso oft wie andere Ministerinnen und Minister. Der Veterinärmediziner Wieler berät mit dem Robert-Koch-Institut die Bundesregierung während der Corona-Pandemie wissenschaftlich. Wer aus welcher Wissenschaft die Politik berät ist ist für politische Entscheidungen plötzlich wichtiger denn je. Für reflektierte politische Entscheidungen braucht es valide wissenschaftliche Fakten. Aber was ein Fakt ist, lässt sich manchmal gar nicht so klar feststellen. Laut Duden sind Fakten: „etwas, was tatsächlich, nachweisbar vorhanden, geschehen ist; [unumgängliche] Tatsache“ Wissenschaft ist also das, was am ehesten valide Fakten schaffen kann.

Und um zu verstehen wie Fakten in der medizinischen Forschung gewonnen werden, ist ein Blick in die Medizingeschichte sinnvoll.

Eine kleine (europäische) Medizingeschichte

Hippokrates und seine Kollegen (hier muss nicht gegendert werden, weil im antiken Griechenland die Heilkunst ausschließlich Aufgabe der Männer war) entwickelten ihr ganzheitliches naturmedizinisches Konzept nicht durch aktive Naturbetrachtung. Ihre Forschung bestand aus Herleitungen, aus dem Theoriekonzept der Philosophen. Alle vier Säfte  (Gelbe Galle, Schwarze Galle, Blut und Schleim) im Menschen sollten ausgeglichen sein. Nach dem Prinzip der Ähnlichkeit wurden Nahrungsmittel und Dinge des Alltags den Säften zugeordnet und verschrieben, wenn von einem Saft zu wenig vorhanden war. Die Wirkung einzelner Substanzen wurde nicht überprüft.

Im Mittelalter wurde Medizin und Heilung als Dienst an Gott verstanden und war kräuterkundigen Frauen vorbehalten. Sie griffen teilweise auf griechische Schriften zurück oder experimentierten mit selbst gepflückten Kräutern. Sofern diese Frauen wie z.B. Hildegard von Bingen in Klöstern tätig waren, wurden sie hochgeachtet. Ohne Klosteranbindung mussten sie sich jedoch vor der Inquisition und Hexenverfolgung in Acht nehmen. Viele der medizinischen Wirkstoffe, die in dieser Zeit entdeckt wurden, wie das Tollkirschengift oder die Herzglykoside aus dem Fingerhut, werden bis heute eingesetzt.

Außerhalb der Klöster wurden medizinische Handlungen von Badern und fahrenden Schauspieltruppen praktiziert, die neben der Aufführung Zähne zogen, kleine Operationen durchführten oder fragwürdige Universalspezifika verkauften.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden die ersten modernen Kliniken gegründet. Sie entstanden entweder aus Pest- und Seuchenhäusern, in denen infektionskranke von dem Rest der Bevölkerung isoliert werden sollten oder aus machtpolitisch-erwägten Geburtshäusern. So entstanden etwa in Göttingen oder Wien, von  Fürsten geleitetet, Geburtshäuser für Frauen mit unehelichen Kindern. Im Gegenzug zu der kostenlosen medizinischen Behandlung wurden die Frauen in die akdemische Lehre einbezogen und mussten sich den Geburtspraktiken unterziehen, die gerade bei den Studierenden auf dem Studienplan standen. Der machtpolitische Vorteil dieser Geburtshäuser war, dass die dort geborenen Kinder oft nicht mit ihren Müttern nach Hause durften oder konnten. So mussten die Mütter nach dem Wochenbett zurück an die Arbeit und die Kinder gelangten in das Weisenhaussystem – mit dem Ziel, sie zu Soldaten oder Mägden auszubilden. Erst die Gründung von Kliniken machte eine strukturierte Ausbildung möglich, weil die Studierenden Zugriff auf viele unterschiedliche Patienten*innen erhielten. Zuvor wurde ärztliches Wissen eins zu eins in einer Lehre bei einem Arzt vermittelt.

Aus dem europäischen Klinikwesen heraus entstanden die Grundlagen der modernen, evidenzbasierten Medizin. Sie wurden entscheidend von dem Pathologen Rudolf Virchow (1821-1902) entwickelt. In seinem Pathologiesaal hat Virchow durch systematische mikroskopische Untersuchungen erstmalig die zellbiologische-Pathophysiologie von vielen Erkrankungen aufgeklärt. Paul Ehrlich und Emil von Behring entdeckten die Grundlagen der Serologie und Robert Koch blickte durchs Mikroskop, genauso wie Virchow, nicht auf menschliche Zellen, sondern auf Bakterien und entwickelte die Mikrobiologie und Virologie. Die naturwissenschaftliche Methode der Zeit war die Lichtmikroskopie und die deskriptive Studie. Heute sind wir zwei Zeitalter weiter. In den 60er Jahren begann für die Medizin das molekulare Zeitalter. Die DNA aber auch Hormone und Rezeptoren wurden isoliert und beschrieben. Heute stehen wir am Beginn des genetischen Zeitalters. Die Tatsache, dass es heutzutage schnelle und kostengünstige Methoden gibt das menschliche Genom in Gänze zu sequenzieren, begünstigt die Erforschung von Genen und wie sich diese auf Krankheiten auswirken.

In den letzten 2000 Jahren der Geschichte der Medizin hat sich also viel geändert. Neben der Methodik haben sich auch die grundlegenden Paradigmen geändert. Krankheiten werden nicht mehr, wie im antiken Griechenland, als Erkrankungen des ganzen Körpers angesehen, sondern können einzelnen Organen, Molekülen und heute Genen zugeordnet werden.

Und auch die Heuristik ist eine andere. Wo noch fahrende Bader und behandelnde Schauspieltruppen früh genug aus der Stadt verschwunden sind umso nicht für ihre oft fragwürdigen „Therapien“ mit schwersten Kompilationen gelyncht zu werden; gucken Mediziner*innen heute mit prädiktiven, randomisierten und kontrollierten Prä-Post-Studien ganz genau hin. Fakten, die von der medizinischen Forschung gewonnen werden, sind also heute genauer und zutreffender als je zuvor. Auch die Geschwindigkeit des Erkenntnisgewinnes dank moderner Methoden so schnell wie noch nie. Und dennoch hat die Corona-Pandemie Probleme und Nutzen der medizinischen Forschung und der wissenschaftlichen Politikberatung deutlich zum Vorschein gebracht.

Und Corona

Um den einen richtigen Fakt zu finden müssen Wissenschaftler*innen viele Irrwege beschreiten, bis sie endlich an dem Ziel der gesicherten Erkenntnis sind. „[N]ichts ist so frustrierend wie die Wissenschaft“ hat einmal ein Professor zu mir gesagt. Nur wie geht die Wissenschaft vor, wenn sie keine Zeit hat, wie im Fall der Corona-Pandemie? Die Antwort ist einfach: Studien werden schneller publiziert und Einzelergebnisse sogar schon vor dem Ende der Studie veröffentlicht. Im normalen Wissenschaftsbetrieb werden alle Fakten erst in einem Paper über die gesamte Studie in einem wissenschaftlichen Magazin veröffentlicht. Dann gibt es noch eine Metastudie, die mehre Studien untersucht, die das gleiche erforscht haben. Häufig folgt dann eine Metastudie der Metastudien und dann wird eine Erkenntnis als gesichert angesehen. Die erhöhte Unsicherheit von wissenschaftlichen Fakten in der Corona Zeit erschwert die politische Entscheidung über Maßnahmen.

Auch objektive Fakten werden von Wissenschaftler*innen immer etwas unterschiedlich bewertet. Denn Jede*r Wissenschaftler*in bringt die eigenen Bias mit. Unter Bias versteht man Verzerrungen von Untersuchungsergebnissen, die durch Grundeinstellungen der*des Forschenden oder den Möglichkeiten der verwendeten Methode entstehen. Ein*e Veterinärmediziner*in, ein*e Psychologe*in, ein*e Virologe*in oder ein*e Public Health Professor*in blicken anders auf Fakten. Sieht man sich die wissenschaftliche Beratung in der Politik an, so wurde diese hauptsächlich durch Virolog*innen und Mikrobiolog*innen vorgenommen. Das Robert-Koch-Institut wurde knapp 100 Jahre lang immer von männlichen Mikrobiologen/Virologen geleitet. Um also möglichst viele wissenschaftliche Perspektiven einzufangen, müssen Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen befragt werden. Bei der interdisziplinären Forschung in der Medizin kommt dem Fach Public Health eine entscheidende Rolle zu. Im Vergleich zu Virologen*innen untersuchen die Public Health Wissenschaftler*innen Gesundheit nicht nur in Bezug auf Viren und Bakterien, sondern beziehen auch psychische, ökonomische oder politische Faktoren mit ein.

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