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Belarus: 950 Kilometer sind nicht viel

2020 war das Jahr der großen Proteste in Belarus – auf einmal tauchte die „letzte Diktatur Europas“ bei vielen auf der mentalen Landkarte auf. Die Proteste scheinen dabei für uns weit weg zu sein – doch im Hinblick auf die deutsche Geschichte sollten wir uns näher mit ihnen beschäftigen.

Autor: Johann Stephanowitz


Proteste in Minsk am 25. Oktober 2020 (Foto: Homoatrox/commons.wikimedia.org)

Ein Blick auf die Europakarte zeigt es: 950 Kilometer Luftlinie ist Minsk von Berlin entfernt. Damit ist die belarusische Hauptstadt genauso weit entfernt wie London. Doch während von London jeder ein Bild im Kopf hat – hat es von Minsk kaum einer. Bei vielen taucht Belarus erst seit dem vergangenen Jahr auf der mentalen Landkarte auf. Als die Bilder von den Protesten durch die Medien gingen und zeigten, dass das Land, das vorher alle nur als Weißrussland kannten, mehr ist, als „die letzte Diktatur Europas“. Anfang August flimmerten die Bilder von Tausenden Menschen durch die Medien, die mit weiß-rot-weißen Flaggen demonstrierten und der Polizei, die dagegen gewaltsam vorging,. Nun ist die mediale Aufmerksamkeit wie so oft weitergezogen. Doch die Proteste gegen den Langzeitmachthaber Aljaksandr Lukaschenka gehen weiter. Auch wenn inzwischen über 300 Menschen in Haft sitzen und jedes kleinste Zeichen der Opposition von der Staatsmacht unterdrückt wird.

In diesem Artikel soll ein Blick auf Belarus und die Geschehnisse vor Ort geworfen werden. Denn im Hinblick auf die deutsche Geschichte tangieren uns diese mehr, als viele meinen würden. Belarus – oder Weißrussland wie es bis vor Kurzem oft noch genannt wurde – ist für viele Menschen ein weißer Fleck auf der Landkarte. Nur wenige haben sich bisher einen eigenen Eindruck von dem Land zwischen Polen und Russland gemacht. Und auch mir hat die Corona-Pandemie leider eine geplante Recherchereise nach Minsk verhagelt. Denn dann kamen schon die Proteste, die eine Reise nach Belarus gerade ohnehin schwierig gestalten – gerade für Journalist*innen. So muss sich dieser Artikel auf Informationen von Bekannten und Medien stützen und ein Anstoß sein, sich so wie ich näher mit einem der „unbekanntesten“ Länder Europas zu beschäftigen.

Warum Belarus nicht einfach ein Teil Russlands ist

Zuerst einmal ist da der Name des Landes: In der deutschsprachigen Wikipedia gab es in den letzten Monaten eine lange Diskussion, welcher Name denn nun richtig sei. Letztlich, nach mehreren Abstimmungen in der Autor*innen-Community lautet der Wikipedia-Artikel des Landes weiterhin Weißrussland – schließlich sei dies ja der umgangssprachlich geläufigere Name. Dabei ist der Name Weißrussland eine problematische Fremdbezeichnung, impliziert er doch, dass das Land zu Russland gehören würde – was es aber bekanntlich nicht tut. Der Name Belarus bezieht sich auf die Kiewer Rus – ein mittelalterliches Staatengebilde, das heute alle drei ostslawischen Staaten (also auch Russland und die Ukraine) als ihren mythischen Vorgänger sehen. Und auch die Menschen im Land selbst bezeichnen sich als Belarus*innen (mit einem s!).1

Dabei ist die eigene nationale Identität für Belarus noch relativ neu. Das Land ist – abgesehen von der kurzlebigen Belarusischen Volksrepublik im Jahre 1918, erst seit 1991 ein souveräner Staat. Davor hat es zu Polen-Litauen, dem Russischen Zarenreich und der Sowjetunion gehört. Und auch das Belarus, das nach dem Zerfall der Sowjetunion entstand, tat sich schwer eine eigene nationale Identität aufzubauen: Bis heute ist Russisch die dominierende Alltagssprache und statt der weiß-roten-weißen Fahne der Belarusischen Volksrepublik wird seit 1995 wieder die rot-grüne Flagge der Belarusischen Sowjetrepublik genutzt. Der seit 1994 (!) regierende Lukaschenka förderte zudem stark die russische Sprache und unterzeichnete einen Unionsvertrag mit Russland (der allerdings nie wirklich umgesetzt wurde und inzwischen ist das Verhältnis zwischen den beiden Ländern auch stark abgekühlt).

Belarus scheint von außen betrachtet in der Zeit stehen geblieben zu sein. Bekannte und Freundevon mir, die vor einigen Jahren mal da waren, berichteten, die Reise in das Land sei wie eine Zeitreise in die Sowjetunion: Überall stehen noch Lenin-Statuen und sozialistische Bauten. Auch heißt der Geheimdienst noch wie in der Sowjetunion KGB. Und anders als in anderen postsowjetischen Staaten fand keine wirkliche wirtschaftliche Transition statt: 80 Prozent der Wirtschaftsbetriebe gehören dem Staat und es ist weiterhin ein sehr paternalistisches System.² Die Menschen haben im Vergleich zu anderen Ländern Osteuropas einen relativ hohen Lebensstandard, dafür wird aber auch politische Gefolgschaft gegenüber der Führung um Präsident Lukaschenka verlangt. Eine Art sozialer Vertrag nach dem Motto: „Ich sorge für euch, wenn ihr mich unterstützt.“

Das hat lange gut geklappt. Denn das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Belarus war eine der modernsten Teilrepubliken der Sowjetunion und galt als eine Art Silicon Valley mit vielen modernen Industriezweigen. Entsprechend war die Sowjetzeit mit vielen positiven Erinnerungen verknüpft – besonders, wenn man sie im Vergleich zu den wirtschaftlichen Chaosjahren in Russland Anfang der 90er-Jahre verknüpfte.

Das System Lukaschenka ist kollabiert

Doch in den letzten Jahren hat sich viel getan: Nicht nur, dass sich das Land zunehmend in Richtung EU öffnete und etwa als Vermittler im Ukraine-Konflikt diente – inzwischen gibt es eine vielfältige Kulturszene, eine immer größere Start-Up-Community und so manche Straße in Minsk gleicht einer in Berlin-Kreuzberg. Und auch die Belarus*innen haben zunehmend ihre nationale Identität kennengelernt: In den letzten Jahren sprechen immer mehr Menschen wieder Belarusisch³ und schwenken die Weiß-Rot-Weiße Fahne (auch wenn das schon ein Zeichen der Opposition ist, für das man festgenommen werden kann).4


1 Zur Bedeutung des Landesnamens Belarus äußert sich auch der Osteuropa-Experte Dennis Rabeneick auf seinem YouTube-Kanal vOSTok History TV: https://www.youtube.com/watch?v=3emKsscjTJU&t=503s

² Zur wirtschaftlichen und politischen Situation ist auch dieser Onlinevortrag von Jörg Forbrig (German Marshall Fund of the United States) aus der Ringvorlesung des Osteuropa-Institutes der FU empfehlenswert: https://www.oei.fu-berlin.de/institut/mediothek/Vorlesungen/Ringvorlesung-20_21/27_01_2021-Joerg-Forbrig-German-Marshall-Fund-of-the-United-States_-Spotlight-Belarus_-Elections_-Protests-_-Change/index.html

³ Weltspiegel-Beitrag über Belarusisch-Kurse in Belarus: https://www.youtube.com/watch?v=Le_pwIOlaKY

4 Im Rahmen der Ringvorlesung des Osteuropa-Institutes äußerten sich auch die Slawistin*ir. Yaraslava Ananka und ihr Kollege Prof. Dr. Heinrich Kirschbaum zur Bedeutung der belarusischen Sprache für die aktuellen Proteste im Land: https://www.oei.fu-berlin.de/institut/mediothek/Grundlagenvorlesung/Spotlight-Belarus/index.html

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