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Alien[isierung] – Men in Black 3

Die Unterteilung in Vorder- und Hintergründiges wird im Restaurant nicht allein verräumlicht, sondern auch durch diejenigen, die sich darin aufhalten – wie in diesem Fall der Restaurantbesitzer Wu – verkörpert. In dessen Darstellung stützt sich der Film auf ein in der Filmgeschichte lang gepflegtes Motiv: den ‚gespielt authentischen Chinesen‘. Dieser taucht in den unterschiedlichsten Varianten auf, wie beispielsweise in den Filmen A Tale of Two Worlds (1921), Chinatown Nights (1929) und The Tong Man (1919). Die Darstellungen in den oben genannten Filmen haben alle eins gemeinsam: die Unterstellung, Chines*innen trügen ein bestimmtes Bild von sich nach außen, würden aber hinter dieser Fassade etwas ‚verbergen‘ (meist illegale Aktivitäten). Die Darstellung einer ‚Oriental two-facedness‘, welche durch diese Porträtierung impliziert wird, stammt aus einer Zeit, als chinesische Immigrant*innen stark diskriminiert und rassistisch angefeindet wurden. Kay Anderson beschreibt die diskursive Darstellung der Chines*innen und der Chinatown in den 1880er bis 1920er Jahren wie folgt: „Chinese were inveterate gamblers, ‚Chinatown’ was lawless; as opium addicted, Chinatown was a pestilential den; as evil and inscrutable, Chinatown was a prostitution base.“ In den oben genannten Filmen, in welchen der gespielt authentische Chinese auftaucht, werden Chinatowns genau auf diese Art und Weise mit Kriminalität und Schmutz assoziiert und diffamiert, während besagter Chinese durch sein zunächst harmloses Auftreten die bereits angesprochene „front region“ szenisch markiert, hinter die das Publikum blicken darf.

Men in Black 3 greift auf diese problematische Darstellung zurück (wenn auch in abgeschwächter Form), die aus einem rassistischen Kontext heraus entstanden ist und wendet sie im Film an, um aliens [engl. die Ausländer*innen] mit aliens [engl. Die Außerirdischen] gleichzusetzen und herabzuwürdigen. Die Herabwürdigung zeigt sich nicht nur in der Demaskierung des Restaurantbesitzers, sondern auch im Umgang mit den gezeigten Lebensmitteln. Die Angst vor ‚Otherness‘, dem Fremden, wird im Film mit dem Ekel vor ‚außerirdischen‘ Speisen verknüpft. So sind ausnahmslos alle aus dem All importierten Güter zum Verzehr bestimmte Lebewesen, die den Eindruck der Unverzehrbarkeit beim Publikum hinterlassen sollen, der durch die Aussagen der beiden Geheimagenten verstärkt wird. J begegnet dem ersten Fisch im Tank mit folgender Aussage: „Ew, it looks like you come from the planet ‚Damn‘“. K bezeichnet den Blobfisch als „clear violation of Health Ordinance“. Der respektlose Umgang mit dem Essen im Restaurant verweist auf die Position, die J und K hinsichtlich der außerirdischen Speisen beziehen. Auf Wus Angebot, er könne ihnen seine „favourite noodles“ zubereiten, antwortet J: „Don’t know if I want none of your nasty-ass noodles, Wu“ und K bezeichnet Wu als „piece of shit“. In besagten Nudeln schwimmt im nächsten Shot ein Auge. Die Speisen werden dabei nicht komplett außerirdisch kodiert, sondern sind in herkömmliche chinesische Zutaten eingebettet. Außerirdisches und Chinesisches wird stark miteinander vermischt.

Zahlreiche Artikel, die Titel wie „10 Weirdest Chinese Foods You’re Afraid To Eat“ tragen, verweisen darauf, dass bestimmte chinesische Speisen im westlichen Kulturkreis noch immer als merkwürdig, bizarr oder sogar ekelerregend gelten. Vieles hiervon ist sicherlich nur auf kulturelle Gewohnheit oder persönliche Vorliebe zurückzuführen. Kritisch wird es jedoch, wenn Ekel auf Abwertung trifft und kulturelle Essensvorlieben als Aufhänger für rassistische Äußerungen dienen, wie in folgendem Beispiel, als eine junge Stadtführerin im Jahr 2014 bei einer Stadtführung die Chinatown von San Francisco rassistisch angriff: “‘F* your little seafood f*ing markets with your turtles and your frogs inside. […] When you come to America you’ve got to assimilate a little bit. And here in America we don’t eat turtles and frogs, okay?'” Durch die Verknüpfung zwischen dem Ekel vor außerirdischen Speisen, chinesischem Essen und abwertenden Bemerkungen normalisiert Men in Black 3 verächtliches Verhalten gegenüber der chinesischen Kultur wie das oben referenzierte – zum einen durch die Herabwürdigung der chinesischen Küche, zum anderen durch die Assoziation des chinesischen Restaurants und seines Besitzers mit Fakeness und Kriminalität.

Unter dem Vorwand, Wu wäre ja nicht wirklich chinesisch, sondern außerirdisch, reproduziert und parodiert Men in Black 3 auf diese Weise historisch gewachsene rassistische Stereotype und Darstellungen von Chines*innen. Inwiefern die Parodie immer erkenntlich und gewollt ist, bleibt fraglich. China selbst war mit dieser Darstellung jedenfalls nicht einverstanden und hat die entsprechenden Szenen zensiert.

Autorin: Marie-Luisa Glutsch

Hauptquellen:

Anderson, Kay: « The Idea of Chinatown: The Power of Place and Institutional Practice in the Making of a Racial Category. »  In: Annals of the Association of American Geographers, London: Taylor & Francis. 1987 (Vol. 77, No. 4 ), S 580-598, URL: https://www.jstor.org/stable/2563924, Stand: 18.03.2019.

Men in Black 3. R.: Sonnenfeld, Barry. Drehbuch: Cohen, Ethan/ Smith, Will. USA: Amblin Entertainment, 2012. Fassung: Internet. https://www.amazon.de/Men-Black-3-Rip-Torn/dp/B00HFD6M5W. (letzter Zugriff: 18.09.2019). 01:41:26.

Schmidt, Björn: Visualizing Orientalness. Chinese Immigration and Race in U.S. Motion Pictures, 1910s-1930s. Böhlau Verlag GmbH, Köln 2017.

https://www.news.com.au/travel/travel-updates/incidents/san-francisco-tour-guide-goes-on-racist-antichinatown-rant/news-story/67d05cae1ee6bc74fa190a9d4bc349a6, Stand: 05.11.2020.

Leseempfehlung

Goyette, Braden: How Racism Created America’s Chinatowns. Online: 11.11.2014. https://www.huffpost.com/entry/american-chinatowns-history_n_6090692 Letzter Zugriff: 18.09.2019.

Bildquelle: © SONY Pictures Entertainment 2020

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