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Zwischen Programmusik und Realismus – die Sinfonien Dimitri Schostakowitschs

Operierten wir in diesem Zusammenhang mit dem Begriff der Programmusik, konstatierte Eggebrecht (1991) im Zusammenhang mit der Diskussion um Außermusikalisches in der Musik, dass der Zuschauer ohne vorherige Beschäftigung mit dem programmatischen Sujet gar nicht wisse, was die Musik ihm sagen solle beziehungsweise woraus das „Programm“ besteht – denn als sinfonische Gattung entfällt der Text.

Nun muss dazu angemerkt werden, dass viele große Namen der musikwissenschaftlichen Forschung in diesem Gebiet – neben H. H. Eggebrecht zum Beispiel auch Carl Dahlhaus – den Terminus der Programmusik oft in das Korsett der sinfonischen Dichtung schnüren, um der argumentatorischen Option auszuweichen, jedes Ding der Welt sei „musikabel“ (wie Eggebrecht am Ende seiner Ausführungen in „Was ist Musik?“ (1991) doch schloss). Ein grundsätzliches, aus historischem Blickwinkel symptomatisches Problem ist dabei der definitorische Charakter der Sinfonie, die als solches laut E.T.A. Hoffmann spätestens seit Beethoven der Inbegriff der absoluten, reinen Tonkunst ist (vgl. E.T.A. Hoffmanns berühmte Beethoven-Kritik von 1810). Vor allem die Mischung der Künste (z.B. Musik, Tanz, Literatur) wird von Hoffmann kritisiert, steht jedoch damit in keinerlei Konflikt zu den außermusikalischen Titeln der Sinfonien Schostakowitschs – immerhin ist ein historisches Ereignis keine Kunstform. Nicht verwunderlich jedoch, dass bei Sinfonien mit programmatischem In-/Gehalt eine Diskussion über ein etwaiges Infragestellen grundlegender Definitionen eher vermieden werden möchte.

Um diesen Diskurs zu einem Ende zu führen, soll ein Leitfaden bei der Beantwortung helfen. Eggebrecht, der in diesem Artikel oft referenziert wurde, stellt in „Was ist Musik?“ (Dahlhaus/Eggebrecht 1991, S. 78) eine Dreiteilung vor. Ein Gegenstand/Sachverhalt ist:

  1. gleichgültig gegenüber der Musik
  2. der Musik zugewandt (potentielle Determinanz)
  3. als Musik erschienen (faktische Determinanz)

Am Beispiel der 11. Sinfonie Schostakowitschs („Das Jahr 1905“), in welcher Schostakowitsch anlässlich des 40. Jahrestages der Oktoberrevolution den Aufstand des Volkes gegen den Zarismus vertonte, lassen sich seine Sinfonien mit programmatischem Titel meines Erachtens ohne Probleme mindestens in die zweite Kategorie einordnen. Ich halte fest, dass auch Schostakowitsch, der als Komponist nicht sofort mit Programmusik in Verbindung gebracht wird, Kompositionen programmatischen Charakters schuf und durch sein künstlerisches Schaffen musikalische „Dokumentationen“ hinterließ. Programmusik ist mehr als nur Sinfonische Dichtung – also ein Werk, wie z.B. R. Strauss‘ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, das auf (literarischen) Mythen oder Geschichten aufbaut – und hat viele Facetten. So viele, wie die Definition des Begriffs selbst in einschlägiger Literatur innehat.

Autor: Tim Groschek

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