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Antizionismus in der Neuen Linken – an der Schwelle zum Antisemitismus?

Der 09. November 1938, an dem die Reichspogromnacht ihren schrecklichen Verlauf nahm, dürfte vielen als Sinnbild rechten Terrors gegen Juden vor Augen stehen. Doch dieser Tag wäre in der Bundesrepublik beinahe auch zum Fanal des Antisemitismus der radikalen Linken geworden: Am 10. November 1969 entdeckte eine Putzkraft im jüdischen Gemeindehaus von West-Berlin eine fehlgezündete Bombe, die am Tag zuvor hätte explodieren sollen. Wie mittlerweile bekannt ist, war dieser Anschlag von einer Ikone der 68er Bewegung geplant worden: dem Kommunarden Dieter Kunzelmann.1

Sein Motiv? Ein glühender Antizionismus, den er in Kreisen der Neuen Linken in der zweiten Hälfte der 1960er adaptiert hatte. Kunzelmanns Tat zeigt den schmalen Grat zwischen Antizionismus und Antisemitismus. Antizionismus – verstanden als eine pauschalisiert ablehnende Haltung zur Existenz des jüdischen Staates Israels – träg die Gefahr in sich, antisemitisch zu sein. Dies spiegelt auch eine seit 2017 von der Bundesregierung verwendete Definition von Antisemitismus wider:

Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.2

Anhand der deutschen 68er Bewegung soll im Folgenden antizionistische Agitation der Neuen Linken auf antisemitische Elemente hin untersucht werden. Zu deren Einordnung hilft zuvor ein Blick auf Positionierungen im zeitgleich „real existierenden Sozialismus“ der Sowjetunion. Abschließend wird der Einfluss dieser Art von Antizionismus auf die heutige politische Linke in Deutschland kurz beurteilt. Das Aufkommen des Zionismus, also des Strebens nach einem jüdischen Staat, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der proportional zum wachsenden Antisemitismus in Europa Zulauf gewann, erforderte auch eine theoretische Positionierung der russischen Linken. Aus der marxistischen Perspektive des internationalen Klassenkampfes musste man einen solchen Nationalstaat ablehnen. Laut Lenin und Stalin war das Nationalgefühl eines Individuums seinem Klassenbewusstsein nachgeordnet, Juden würden darüber hinaus auch gar keine Nation konstituieren.3 In der politischen Praxis der UdSSR wurde „Zionist“ als Kampfbegriff auf alle jüdischen Dissidenten (selbst wenn diese antizionistisch gesinnt waren) angewendet.4 In dieser Vagheit des Begriffes, der letzten Endes zwischen Juden und Nicht-Juden statt zwischen jüdischen Antizionisten und jüdischen Zionisten unterscheidet, zeigt sich eine virulente Gefahr: In letzter Konsequenz gedacht, ließ sich somit Antizionismus gegenüber jedweder jüdischer Person ausdrücken, womit antizionistisches Handeln gleichzeitig antisemitisch war. Das offizielle Element des sowjetischen Antizionismus stellte das 1983 gegründete „Antizionistische Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit“ dar. Unter der Federführung Lev Korneevs wurden hier dem Staat Israel Nazi-Methoden unterstellt und eine „faschistisch-zionistische“ Weltverschwörung propagandistisch angeprangert.5 Diese Äußerungen müssen wegen ihrer Täter-Opfer-Gleichsetzung und der Verwendung des alten Stereotyps der jüdischen Weltverschwörung klar benannt werden: Noch kurz vor Glasnost und Perestroika offenbart sich hier ein vom offiziellen staatlichen Antizionismus gedeckter Antisemitismus.


1 Vgl. Kraushaar, Wolfgang: Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus, 1. Auflage, Hamburg 2005.

2 https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/themen/kulturdialog/-/216610 (zuletzt aufgerufen: 06.10.2020).

3 Gitelman, Zvi: The Evolution of Soviet Anti-Zionism. From Principle to Pragmatism, in: Anti-Zionism and Antisemitism in the contemporary world, Hrssg. R.S. Wistrich, New York 1990, S.16.

4 Gitelman, Evolution, S.17f.

5 Friedgut, Theodore: Soviet Anti-Zionism. Origins, Forms and Development, in: Anti-Zionism and Antisemitism in the contemporary world, Hrsg. R.S. Wistrich, New York 1990, S.33f.

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